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Manfred Kolb
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Prosa, Glossenhaftes und Satirisches

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 Unglaubliches in Worte gefasst

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Dinner bei Lorenzo                                                                     Manfred Kolb

 

Meine Frau und ich wohnten eine Zeitlang in Potsdam. Sie arbeitete als freie Künstlerin in der Künstlerkolonie Puschkin-Allee, ich mühte mich mit Aufgaben der Stadtplanung ab. Nebenbei hielt ich als Dozent Praxis-Seminare für Angehörige des Öffentlichen Dienstes über Frustrationstoleranz ab.

 

An meinem Geburtstag am 8. September 2011 hatte ich meine Frau und unsere beiden aus Hamburg aus diesem Anlass angereisten Kinder zum Essen bei Lorenzo in der Gutenbergstraße eingeladen.

 

Als wir dort eintrafen, wurden wir am Eingang zwar sehr freundlich begrüßt, aber in den hinteren Teil des Restaurants geleitet, wo ein Tisch für 4 Personen eingedeckt war. Meine bei der Tischreservierung vorgetragene Bitte und erhaltene Zusage eines Tisches am Fenster war wohl untergegangen.

Die Getränkebestellung ging schnell. Die uns zugeteilte junge Kraft war augenscheinlich eine Italienerin, die perfekt deutsch sprach. Vielleicht die Tochter des Chefs.

 

Meine Begleitung erhielt den gewünschten Aperitif Sherry dry , nur ich musste mich mit einem Sherry medium zufrieden geben. Kann ja mal vorkommen, dachte ich bei mir.

Bei der Getränkebestellung zum Dinner unterlief der Bedienung ein erneuter Fehler: wir erhielten nichtden bestellten sizilianischen Primitovo, sondern einen spanischen Tempranillo.

Ich spürte, wie sich in mir eine leichte Verärgerung aufbaute.

 

Als der Hauptgang, bestehend aus  handgemachten Tagliatelle mit Arla Buko, Tomaten und mediterranen Kräutern mit dem Clou frischen Parmesans  serviert wurde, war ich verblüfft. Meine Familienmitglieder erhielten einen gut gefüllten Teller dieses leckeren Gerichts, ich dagegen schaute auf ein leeres Tischtuch.

Als die junge Bedienung begann, die am Tisch aufgestellte Parmesanmühle zu bedienen und den geraspelten Käse auf die drei Teller zu verteilen, fragte ich mit ausgesuchter Höflichkeit: „und was wird nun aus mir?“ „Kommt sofort“, war die liebenswürdige Antwort.

 

Dann eilte sie zur Ausgabe zurück, um gleich wieder mit einem leeren tiefen Teller zurückkommen, den sie vor mich hinstellte. „Das tut mir jetzt aber schrecklich leid“, drückte sie mit schuldbewusster Miene aus, „ich habe gerade erfahren, dass die Tagliatelle ausgegangen sind. Aber ich habe da eine Lösung“.

 

Wie aus dem Nichts zauberte sie eine Spaghettizange in ihre Hand und sagte mit einem gewinnenden Lächeln, mich dabei anblickend: „Ich werde jetzt von jedem Teller ein wenig von dem Tagliatelle-Gericht auf Ihren Teller füllen, dann haben sie alle nämlich das gleiche Gericht.

Die junge Dame  wollte gerade mit der angekündigten Ausführung bei dem Teller meiner Tochter beginnen, als  ich ihren fassungslosen Gesichtsausdruck bemerkte.

 

 „Das können Sie doch nicht machen, schon gar nicht in einem guten Restaurant wie Lorenzo“, wies ich die Bedienung höflich  zurecht. Aus drei Essen durch Umverteilung vier machen, das geht gar nicht!“

Darauf hin eilte die junge Dame  mit den Worten „ich werde das zu Ihrer Zufriedenheit regeln“ zurück zur Küche, um mit einer Schüssel Tomatensalat und einem Baguette wieder zu kommen. „Damit sie alle gleichzeitig essen können“, sagte sie mit leiser  Stimme, während sie das Gebrachte abstellte.

 

Ich fügte mich und muss zugeben, dass der Tomatensalat mit Zwiebeln, Mozzarella und feinen Kräutern im Geschmack vorzüglich war. Es war eben nur nicht das Tagliatelle-Gericht mit dem köstlichen Tomaten-Relish und frisch geriebenem Parmesankäse, was ich so schätzte.

Dass ich zwei Mal nach meinem Eisbecher fragen musste, während meine Gäste schon am Boden des Kelchglases angelangt waren, verwunderte mich dann nicht mehr.

Ich war heute wieder einmal Opfer einer Pannenserie, wie schon öfter bei Restaurantbesuchen.

 

Als es an das Bezahlen ging, staunte ich. In der Rechnung aufgeführt waren vier Tagliatelle-Gerichte plus ein Tomatensalat mit Baguette.

Da war ich dann doch an der Grenze meiner Beherrschung angelangt.

 

Als meine Frau das erkannte, ließ sie den Geschäftsführer an unseren Tisch bitten. Der Chef des Hauses Lorenzo lächelte mich freundlich und irgendwie schelmisch an, was ich nach den Pannen überhaupt nicht verstehen konnte.

Dann sagte er mit spitzbübischem Lächeln zu mir: „Ich habe das alles mit Ihrer Frau abgesprochen. Sie wollte mal sehen, ob das von Ihnen geleitete Praxisseminar über Frustrationstoleranz auch bei Ihnen selbst Wirkung zeigt…“.

ENDE

Nachsatz: die Schlusspointe ist erfunden, um die Gastronomie nicht in allzu schlechtes Licht zu stellen. Es handelte sich übrigens um die Osteria la Maiella in der Gutenbergstr. 90, die meine Frau und ich nach dem schier unglaublichen Erlebnis im Jahre 2012 nie wieder aufsuchten.

 

Die „Wiedergutmachung“ für meine erlittene Unbill bestand übrigens aus einem Espresso.Dinner bei Lorenzo

                                                                    

ENDE

 

 

 

  

 

 

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Manfred Kolb | mfkolb@gmx.de